Forte dei Marmi – die Hamptons Italiens und die Kunst des Understatements
Es gibt Orte, die ihren Reichtum laut zur Schau stellen. Und es gibt Forte dei Marmi. Wer zum ersten Mal nach Forte kommt, fragt sich unweigerlich, wo eigentlich der ganze Luxus sein soll. Keine protzigen Yachten wie an der Côte d’Azur, keine glitzernden Hochhäuser wie in Miami, keine roten Teppiche für Influencer.
Stattdessen sieht man Fahrräder.
Überall Fahrräder.
Nicht selten gehören sie Menschen, die Unternehmen führen, Familienvermögen verwalten oder ganze Häuserblocks in Mailand besitzen. Doch in Forte steigt man aufs Fahrrad mit Korb. Das gehört sich so.
Denn der wahre Luxus von Forte besteht darin, nicht zeigen zu müssen, dass man ihn besitzt.
Die Villa liegt hinter hohen Hecken verborgen. Das Auto bleibt in der Garage. Zum Strand fährt man mit dem Rad. Wer etwas auf sich hält, trägt Leinen statt Logos und kennt die besten Adressen, ohne darüber zu sprechen.
Das ist italienisches Understatement in seiner schönsten Form.
Auch am Strand folgen die Dinge ihren eigenen Regeln. Im Mittelpunkt stehen nicht die Liegen, sondern die Kabine. Für viele Familien ist sie seit Jahrzehnten derselbe Ort, an dem Badehandtücher, Kartenspiele, Sonnencreme und Sommererinnerungen lagern. In Forte erbt man manchmal die Strandkabine fast ebenso selbstverständlich wie das Ferienhaus.
Davor stehen die berühmten Regiestühle. Für Außenstehende sind es einfache Strandstühle. Für die Stammgäste von Forte gehören sie zum Sommer wie der Sand, das Meer und der erste Aperitivo. Generationen haben darauf Zeitung gelesen, Karten gespielt, diskutiert oder einfach nur das getan, was man in Forte am besten kann: sitzen, schauen und den Tag vorbeiziehen lassen.
Unter der Tenda, dem großen Sonnendach, wird die hohe Kunst der italienischen villeggiatura gepflegt.
Das Wort lässt sich kaum übersetzen. Urlaub trifft es nicht. Ferien auch nicht.
Villeggiatura ist eine uritalienische Tradition, deren Wurzeln bis in die Renaissance zurückreichen. Wohlhabende Familien verließen während der Sommermonate ihre Stadtpalazzi und zogen für Wochen oder sogar mehrere Monate in ihre Villen auf dem Land oder am Meer. Oft reiste die gesamte Familie mit – einschließlich Großeltern, Kindern, Freunden und Hauspersonal.
Bis heute bedeutet villeggiatura deshalb weit mehr als Urlaub. Es geht nicht um das Entdecken neuer Orte, sondern um das Wiederkehren. Man fährt Jahr für Jahr an denselben Strand, in denselben Bagno, unter dieselbe Tenda und trifft dieselben Menschen.
Die Italiener haben dafür sogar einen musikalischen Ausdruck gefunden:
„Stessa spiaggia, stesso mare“
… derselbe Strand, dasselbe Meer.
Was für Außenstehende nach mangelnder Abenteuerlust klingt, ist für viele Italiener die Definition von Sommerglück.
In Forte dei Marmi ist diese Tradition noch immer lebendig. Viele Familien verbringen hier seit Generationen jeden Sommer. Die Kinder wachsen gemeinsam auf, werden erwachsen und kommen später mit ihren eigenen Kindern zurück.
Man könnte sagen: Die villeggiatura ist kein Urlaub. Sie ist ein zeitlich begrenzter Umzug des Lebens an einen schöneren Ort.
Sommerliche Rituale
Und jeder Tag folgt seinen eigenen Ritualen.
Morgens holt man die Focaccia beim Bäcker, trinkt seinen Espresso in der Bar und fährt anschließend mit dem Fahrrad Richtung Strand. Mittwochs und sonntags gehört der Vormittag dem berühmten Markt. Dann verwandelt sich das Zentrum von Forte dei Marmi in einen Laufsteg des italienischen Sommerlebens.
Natürlich werden Kaschmirpullover, Leinenhemden, Ledertaschen und Tischwäsche verkauft. Doch der Markt ist vor allem ein gesellschaftliches Ereignis. Man trifft Freunde, Nachbarn und Bekannte aus Mailand, die man seit dem vergangenen Sommer nicht mehr gesehen hat. Man trinkt einen Kaffee, bleibt stehen, plaudert und kauft am Ende Dinge, die man eigentlich gar nicht gebraucht hat.
Auch hier zeigt sich das typische Understatement von Forte. Der Wohlstand ist sichtbar, aber niemals aufdringlich. Die wirklich Eleganten erkennt man nicht an den Markenlogos, sondern daran, dass sie keine brauchen.
Am Nachmittag trifft man sich zum Tennisspiel. Nicht als gesellschaftliches Ereignis, sondern als Ritual. Man spielt auf denselben Plätzen wie seit Jahren, oft gegen dieselben Gegner und zu denselben Uhrzeiten. Auch das gehört zu Forte: Kontinuität statt Inszenierung.
Während andere Luxusdestinationen ständig neue Attraktionen erfinden müssen, lebt Forte seit Jahrzehnten vom Gegenteil.
Die größte Herausforderung des Tages besteht oft darin, morgens die beste Focaccia zu besorgen, mit dem Fahrrad an den Strand zu fahren und abends zu entscheiden, ob es Spaghetti alle Arselle werden sollen – jenes legendäre Pastagericht mit den kleinen Venusmuscheln, das entlang der Versilia fast schon zum Sommerinventar gehört.
Denn in Forte sucht man nicht nach dem richtigen Bagno. Man hat ihn bereits. Oft seit Jahrzehnten. Man wechselt eher das Auto als den Strandabschnitt.
Charakter braucht keine Inszenierung
Genau darin zeigt sich der besondere Charakter des Ortes: Reichtum wird hier nicht inszeniert, sondern gelebt. Die teuersten Villen verstecken sich hinter Pinien und hohen Hecken. Die Besitzer fahren Fahrrad. Logos sind selten, Leinenhemden dagegen allgegenwärtig.
Forte dei Marmi ist die italienische Hauptstadt des diskreten Wohlstands.
Wer hier etwas darstellen muss, gehört meist nicht dazu. Wer dazugehört, muss nichts darstellen. – Vielleicht ist das die eleganteste Form von Luxus überhaupt.
Vielleicht sind die Hamptons deshalb der einzige halbwegs passende Vergleich. Doch selbst dort wird der Reichtum oft etwas deutlicher gezeigt.
In Forte genügt ein Fahrrad mit Korb.
Wegen der Kabine.
Wegen der Tenda.
Wegen des Regiestuhls.
Wegen des Tennismatches am späten Nachmittag.
Wegen des Marktes am Mittwoch und Sonntag.
Wegen der Focaccia im Fahrradkorb.
Wegen der Spaghetti alle Arselle.
Und wegen des wunderbaren Gefühls, dass sich hier seit Jahrzehnten alles verändert hat – außer dem Sommer selbst.
Wer den Code versteht, weiß Bescheid.
Julika Repplinger
Salonnière & Gastgeberin